Europaseminar

"Verstehen, verständigen, zusammen arbeiten quer durch Europa, das ist unser Angebot für unsere Auszubildenden und Ausbilder. Daher kooperieren wir mit vergleichbaren Bildungseinrichtungen in Europa." 

Dieser Grundsatz ist in unserem Leitbild verankert.

Seit 2012 nehmen Referendarinnen und Referendare an internationalen Projekten des Studienseminars Hannover LbS teil.

Die Projekte finden in Kooperation mit dem Studienseminar Braunschweig  LbS statt. Gefördert werden die Projekte durch das Programm "Erasmus+" (vormals "Leonardo da Vinci") der Europäische Union.

Nähere Informationen zum Programm "Erasmus+" finden sie hier.

Erasmus+ Mobilität

Die Mobilitätsprojekte richten sich an Auszubildende der Studienseminare für das Lehramt an Berufsbildenden Schulen in Hannover und Braunschweig. Die Projekte sollen die Vernetzung der Ausbildung von Lehrkräften in Europa voranbringen. Langfristig ist der kontinuierliche Austausch von Lehrkräften mit den europäischen Partnern geplant.

Die Referendare stehen bei ihrem Einsatz in ihren zukünftigen Schulen vor großen Herausforderungen in Bezug auf die Integration der beruflichen Bildung in Europa. Durch die Einführung von EQF/DQF und ECVET werden sie in den kommenden Jahren zunehmend mit europäischen Systemen der beruflichen Ausbildung konfrontiert. Diese bereits in der Ausbildung kennenzulernen ist ein unschätzbarer Vorteil bei der Bewältigung der Integrationsaufgaben. Die Rückmeldung in das Seminar kann nach Abschluss und Auswertung der Mobilität für andere Referendare nutzbar gemacht werden. Inhaltlich werden Themen, wie Unterrichtsdidaktik, Nachhaltigkeit, Schulformen, Berufliche Ausbildung und Supportsysteme der jeweiligen Länder bearbeitet. Insbesondere wird das Thema Inklusion an Berufsbildenden Schulen während des Aufenthalts thematisiert. Die Referendare sollen anhand spezifischer Unterrichtsprojekte die Arbeit im jeweiligen Land vorbereiten, planen und im Unterricht umsetzen.

Berichte von Teilnehmern

Ehemalige Teilnehmer berichten über ihre Erfahrungen.

Das inklusives Bildungssystem in Italien

Bereits seit 40 Jahren wurden alle Förder- und Sonderschulen in Italien abgeschafft, seitdem nehmen die Schulen jedes Kind auf, egal unter welchen Beeinträchtigungen es leidet. Die Basis dieser Erfolgsstory:

  • Differenzierte, strukturelle Voraussetzungen: d.h. Einsatz von Unterstützungslehrer/innen, welche im Studium eine besondere Ausbildung zu Inklusion absolvierten. Somit betreuen immer mindestens zwei Lehrkräfte eine Klasse
  • inklusionsbejahende Haltung (s. Abb. 3)
  • Erstellung eines Entwicklungsprofils für jedes Kind von einer Schulstufe in die nächste
  • Enge Zusammenarbeit mit den Ärzten und Eltern: d.h. in dem Moment der Diagnose erfolgt die Entwicklung eines Teams an der Schule bestehend aus Eltern, Inklusionslehrkräften Physiotherapeuten und Ärzten, ggf. soziale Beihilfe für den Fall, dass Eltern sich das alles nicht leisten können

Gesetzliche Obergrenze von Inklusionsfällen in Lerngruppen: wenn eine Klasse einen Integrationsschüler/innen hat, darf die Klasse nicht größer als 22 Schüler/innen sein, um die individuelle Betreuung gewährleisten zu können.Das Inklusion funktionieren kann haben die Teilnehmer/innen des diesjährigen Erasmus+ Programms der Studienseminare Hannover und Braunschweig erleben dürfen. In der italienischen Stadt Lucca besuchten diese mehrere Schulformen und bekamen einen Eindruck davon, wie „normal“ Inklusion in Italien ist. Die Menschen dort übernehmen Verantwortung füreinander und unterstützen sich gegenseitig. Die Inklusionsschüler/innen nehmen aktiv an allen Unterrichtsfächern teil: Im Sportunterricht (s. Abb. 4), entwickeln die Lehrkräfte besondere Spielformen, die es ermöglichen, dass alle Schüler/innen gemeinsam spielen können. Für die Sportart Basketball setzten sie dabei verschiedene Bälle und Körbe ein, sowie die Regel, dass die Inklusionsschüler/innen gemeinsam mit den anderen Mitschüler/innen entscheiden, wann und auf welchen Korb sie spielen (s. Abb.5 u. 6). Diese Spielform nennt sich Baskin-Spiel. Unterstützung bekommen die Inklusionsschüler/innen dabei von ihren Inklusionslehrkräften.Zudem können die Inklusionsschüler/innen an verschiedenen Projekten teilnehmen, wie bspw. „Gestaltung von Comicfiguren“. Hier stellen die Schüler/innen und Schüler kleine Comicfiguren oder Symbole her, wie die Faust von Hulk oder das Motiv von Spiderman. Diese werden dann auf der Messe „Lucca Comic& Games verkauft.

   

 

Italien ist sehr stolz auf ihr Inklusionssystem und kann dies auch sein. Den Einblick den die Erasmusteilnehmer/innen in das inklusive Bildungssystem erhalten konnten, hat diese zum Nachdenken angeregt und vielfältige Ideen und Möglichkeiten geboten, wie auch in Deutschland zukünftig Inklusion aussehen könnte. Zudem ist es für Schülerinnen und Schüler mit und ohne Beeinträchtigungen völlig normal gemeinsam zu lernen. Sie besuchen bis zum 14. Lebensjahr (8. Klasse) die gleichen Bildungseinrichtungen und werden dort gemeinsam beschult.

 

 

Fotos und Text: Hannah Rönz, November 2018 

 

Erasmus+ 2016 Norwegen – Was ist geblieben?

Henryk Lippert - Januar 2019

Ich wollte eigentlich auch mitfahren, aber es ist mir neben der ganzen Arbeit für’s Ref einfach zu viel.“, ist ein Satz, den ich von meinen Mitreferendaren seinerzeit oft gehört habe, als ich mich dazu entschieden hatte, an dem Erasmus+ Projekt in Norwegen teilzunehmen.
Damals, im Jahr 2016, machten sich circa 20 Referendar_Innen und vier Fachleiter_Innen der Studienseminare Hannover und Braunschweig auf eine gemeinsame Reise. Zwei Jahre später blicke ich auf diese zwei Wochen zurück und möchte berichten, welche nachhaltigen Eindrücke dies bei mir hinterlassen hat.

Liebe Leserinnen und Leser,

Sie sind wahrscheinlich gerade in einem ähnlichen Spannungsfeld, wie ich es damals war. Sie versuchen abzuwägen, inwiefern eine Auslandsreise im Rahmen von Erasmus+ eine Bereicherung für Sie darstellt und gleichermaßen das Alltagsgeschäft während des Vorbereitungsdienstes möglichst wenig negativ beeinträchtigt. Ich möchte Ihnen dahingehend auch keine Illusionen machen, denn die Vor- und Nachbereitung einer solchen Reise ist mit etwas Aufwand verbunden. Darüber müssen Sie sich im Klaren sein.

Demgegenüber steht jedoch ein ganzer Fundus an Erfahrungen, die exklusiv für Auslandsreisen dieser Art sind – schließlich fahren Sie nicht als Tourist, sondern als Teilnehmer eines international angelegten Projektes. Obwohl es mir sicher nicht gelingen wird, alle meine Erfahrungen und Eindrücke in diesem Bericht zu skizzieren, will ich es zumindest probieren, indem ich eine Vorauswahl an Themen für Sie getroffen habe:

Wahrscheinlich haben Sie genau wie ich die Schule in Deutschland durchlaufen und kennen große Teile aus diesem System sehr genau. Durch Erasmus+ können Sie über den Tellerrand hinausschauen, bekommen ungefilterte Einblicke in andere Bildungssysteme und erhalten Anregungen dafür, welche alternativen Möglichkeiten existieren, um den Themenkomplex „Schule“ zu verstehen. Ich habe dahingehend erlebt, wie Unterricht aussieht, der den Schülerinnen und Schülern wirklich die Eigenverantwortung für den Lernerfolg überträgt. Die Lernenden in Norwegen entscheiden eigens darüber, ob sie am Unterricht partizipieren oder lieber im Internet surfen wollen (gleichwohl, ob ausländische Referendar_Innen oder eine Fachleiterin direkt hinter ihnen sitzen). Es stört sich niemand an ihrer Entscheidung, weil es ihnen selbst überlassen ist. In Deutschland wäre so etwas unvorstellbar – oder zumindest eine mittelschwere Katastrophe – erst recht, wenn Besuch da ist.

Es war spannend, sich mit Tony, dessen Unterricht ich hospitieren durfte, über (handlungsorientierten) Unterricht und pädagogisches Handeln auszutauschen. Die berufliche Bildung in Deutschland ist europaweit geschätzt und viele ausländische Lehrkräfte sind daran interessiert, etwas darüber zu erfahren. Man begegnet sich auf Augenhöhe und stellt selbst dann, wenn man kein ausgebildeter Englischlehrer ist, fest, dass die Sprachbarriere für beide Seiten eine Hürde, aber ganz sicher kein Problem darstellt. Ich kann mich an niemanden erinnern, der am Abend nicht ganz angeregt von seinen Erfahrungen des Tages berichtete.

Sollten Sie die Gelegenheit erhalten, an Ihrer Austauschule Unterricht erteilen zu dürfen, ergreifen Sie diese Gelegenheit unbedingt am Schopfe. Sie werden erstaunt sein, wie viel Enthusiasmus Ihnen von den Schülerinnen und Schülern entgegengebracht werden wird. Denn eines ist sicher: Diese sind genauso neugierig auf Sie wie umgekehrt. Neben vielen Fragen zu Ihrem Heimatland und Ihrer Person sind die meisten Schülerinnen und Schüler gerne bereit, Dinge von sich selbst preiszugeben. Die lebhafte Unterhaltung, die daraus entsteht, fühlt sich nicht wie Schule, sondern wie gelebter interkultureller Austausch an. Neben den ein oder anderen Unterschieden findet man natürlich auch eine Menge Gemeinsamkeiten und ich muss zugeben, dass ich davon nachhaltig geprägt wurde. Es ist eine Sache über diesen Sachverhalt zu lesen, eine ganz andere es zu erleben.

Selbstredend wird auf Erasmusreisen nicht immer nur gearbeitet: Unterricht hospitieren, gelegentlich selbst unterrichten, Oslo in einer Exkursion besuchen, am Biathlon-Sportunterricht teilnehmen – „Arbeit“ eben. Nein, natürlich gehört Freizeit genauso mit dazu, in der Sie sich frei bewegen können und beinahe alles machen können, was Sie wollen. Nach kurzer Absprache und Buskoordination wurde sich dann meist in Kleingruppen aufgemacht, um Touristenattraktionen anzusehen, Konzerte bzw. Events zu besuchen oder Ähnliches. Der schöne Effekt: Wer keine Lust hatte oder etwas für den Vorbereitungsdienst zu erledigen hatte, blieb zuhause und hatte seine Ruhe. Ich bin mit einem der Fachleiter und noch zwei anderen Gruppenmitgliedern zum „Open Day“ eines Automobilklubs gefahren und wir sahen uns eine so große Sammlung von Oldtimern, alten Spielautomaten, Schallplatten und „Zeug“ angesehen, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte, an. Durch einen Zufall hat einer der Klubmitglieder, dessen Vorfahren Kriegsflüchtlinge waren, erfahren, dass wir deutsche Besucher sind und lud uns in den gesperrten Bereich des Klubs zu einem Rundgang ein. Was ich dort bestaunen und erfahren durfte, werde ich nie vergessen.

Doch möchte ich abschließend auf den Titel dieses Berichtes zurückkommen und fragen: Was ist geblieben? Nachdem die zwei Wochen vergangen sind, holt Sie der Alltag leider recht schnell wieder ein, schließlich stehen Unterrichtsbesuche und in meinem Fall der Abgabetermin für die schriftliche Arbeit an. Den Rest des Vorbereitungsdienstes habe ich nur noch im Zeitraffer, ohne nennenswerte Anekdoten, wenn man von der Verabschiedung absieht, in Erinnerung: Arbeit, Arbeit, Arbeit, Prüfung, erstmal durchatmen, Verabschiedung, Ende. Nochmal durchatmen. Einige Monate später erhalten Sie den Europapass und meistens auch noch etwas von dem Geld zurück, das Sie während der Reise ausgegeben haben. Verglichen mit den außerordentlichen Erfahrungen und Erinnerungen, die Sie während Ihrer Reise machen werden, verblasst beides jedoch. Ihre Erfahrungen werden Ihnen helfen, selbstbewusst und weltoffen durch Ihr weiteres (Berufs-)Leben zu schreiten und es kann Ihnen ein Türöffner sein. So war es jedenfalls für mich. Ein Jahr später, mittlerweile Lehrkraft an der BBS Walsrode, habe ich für fünf Wochen Bildungsurlaub beantragt, um an einem Entwicklungshilfeprojekt in Myanmar teilzunehmen. Als einer von zehn Experten aus dem berufsbildenden Bereich – alle mit erheblich mehr Berufserfahrung – habe ich dort burmesische Lehrerinnen und Lehrer eigenverantwortlich fortgebildet und natürlich von meinen Erasmus-Erfahrungen profitiert. Die Frage, ob der Europapass in meinen Bewerbungsunterlagen die Projektverantwortlichen von meiner Eignung überzeugt hat, vermag ich nicht zu beantworten – geschadet hat es jedenfalls nicht.

 

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